Beherrschbare und nicht so beherrschbare Risiken mit Crypto-Token

Crypto-Token sind ja eine Art Vexierspiel: es ist nicht schwer zu sagen, was genau sie sind (Signale, die in einer Art digitalem Kaufmannsbuch verteilt gespeichert werden), aber komplex zu bestimmen, was sie bedeuten (Geld? Inhaberschuldverschreibungen? Besitzrechte?). Der Jargon ist für Normalinvestoren kaum zu verstehen, der technische Hintergrund komplex, als Investment sind Token hochgradig spekulativ, und allein der Erwerb ist eine nicht ganz einfache Angelegenheit.

Einbrecher bricht ein weil das sein Beruf ist
Das Böse lauert immer und überall

Hinzu kommt, dass auch die Infrastruktur, auf der sie gehandelt oder auch nur einfach gespeichert werden, sich erst entwickelt. Und das heißt auch: sie ist angreifbar. Es ist schon fast eine alltägliche Nachricht, dass Crypto-Börsen gehackt werden. Gerade wieder ist das Bitpoint passiert, einer Japanischen Börse. Dabei sind wohl Token im Gegenwert von „nur“ 3,5 Milliarden Yen (rund 32 Millionen USDollar) entwendet worden. Das ist aber fast nichts gegen den berüchtigten Hack der Börse Mt. Gox, bei dem fast 4% der überhaupt damals im Umlauf befindlichen Bitcoin abhandenkamen.

Zu dem erheblichen Crypto-Token ohnehin innewohnenden aber für Investoren letztlich bekannten Risiken kommt also noch das Risiko, schlicht bestohlen zu werden.

Der einfachste Weg, seine Crypto-Token zu verlieren scheint es zu sein, eine sog. „Hot Wallet“ zu verwenden. Das ist nichts weiter als eine Software oder App auf einem Rechner oder Mobiltelefon, in der die privaten Schlüssel verwaltet werden, die ich als Nutzer benötige, um mich als Inhaber eines Crypto-Tokens auszuweisen und damit über ihn zu verfügen. Dazu zählt auch, seine Token gleich durch die Börse verwalten zu lassen, auf der man sie erworben hat. Man hat dann gewissermaßen ein Hot Wallet, das auf fremden Servern verwaltet wird.

In jedem Fall ist man eben „hot“, also online mit dem Internet verbunden. Das hat den Vorteil, dass man über seine Token schnell verfügen kann, aber den Nachteil, dass die Wallet allen möglichen Angriffen ausgesetzt ist: kein Computersystem ist wirklich sicher.

Wenn man viel handelt, etwa als Daytrader, dann ist ein solcher schneller Zugriff zweifellos wichtig. Aber das ist nicht das, was ein Investor tun sollte. Denn auch wenn Crypto-Token erst einmal aussehen wie eine ganz dufte neue Sache gilt doch auch hier: Hin und Her macht Taschen leer. Es gibt ja nichts Neues unter der Sonne.

Als Investor brauche ich also eine langfristig sichere Verwaltung meiner privaten Schlüssel. Die kann ruhig ein bisschen umständlich sein, wenn das denn die Sicherheit erhöht.

Das bietet eine Cold Wallet. Das kann „an sich“ alles Mögliche sein, auch ein Stück Papier. Gerade zu Paper-Wallets gibt es Enthusiasten, die es für den sichersten Weg halten, Crypto-Token zu verwahren. Mir dagegen scheint das nur so sicher zu sein wie der Safe, in dem ich das betreffende Paper aufbewahre.

Der Sweet-Spot ist wohl im Moment in der Tat eine Hardware-Wallet. Das ist nichts anderes als ein kleines Gerät, meist in Form eines USB-Sticks, mit dem die privaten Schlüssel verwaltet werden. Der „eigentliche“ Rechner kann keine Transaktionen ausführen, ohne dass diese von der Wallet bestätigt werden. Der ganze Login-Prozess in die Wallet geschieht aber unabhängig vom Hauptrechner, und wegen ihrer sehr spartanischen Gestaltung bieten diese Wallets nur wenige Angriffsvektoren.

Ob das die perfekte Lösung ist? Vermutlich nicht. Denkbar ist ja, dass der Hersteller der Wallets diese manipuliert hat, um irgendwann – gewissermaßen in einer gewaltigen Abräumaktion – sich die dort verwalteten Schlüssel zu besorgen. Vor allem aber ist eine solche Wallet nicht kostenlos. Andererseits ist das ein Safe auch nicht, und typischerweise nicht einmal ein Girokonto. Diesen kleinen Tod muss man dann wohl sterben, um wenigstens halbwegs sicher schlafen zu können.  

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Bitcoin und Cryptocurrencies – kann das Otto Normalinvestor?

Die Preise für Bitcoin und andere Cryptocurrencies laufen ja gerade (wieder einmal) heiß. Da kann und muss man sich als Anleger fragen, ob ein Investment in eine solche Asset-Klasse eine gute Idee ist oder nicht. Man wird sich dabei natürlich die „üblichen“ Dinge überlegen wie: passt das in meine Anlagestrategie? Da solche Assets hochspekulativ sind: kann ich gegebenenfalls den Totalverlust verkraften? Und natürlich: was genau ist das alles eigentlich? Und das sind wichtige Punkte. Aber gehen wir mal davon aus, dass ich all diese Gesichtspunkte bedacht und mich für eine Anlage entschieden habe: was dann?

Frau in der Forschung oder im Labor schaut durch ein Mikroskop
Frau in der Forschung oder im Labor schaut durch ein Mikroskop, es geht um die künstliche Befruchtung einer Eizelle

Mich interessiert hier also, ob der sprichwörtliche Otto Normalinvestor rein technisch überhaupt in der Lage ist, Bitcoin – der hier als Beispiel dient – zu kaufen.

Wenn Sie nämlich ticken wie ich, dann rufen Sie erst einmal Ihre Bank an und fragen, wie sie denn ein Bitcoin-Konto eröffnen können. Und dann werden Sie Reaktionen von Überraschung bis Unverständnis erhalten: sie können so etwas bei (keiner) deutschen Bank machen. Mein Anruf bei der Commerzbank erbrauchte immerhin, dass man sich den Markt dort ansieht, und bei der Consorsbank kann man ein paar Derivate erwerben, aber nicht die Crypto-Assets selbst. Die Fidorbank aus München kooperiert immerhin mit dem Marktplatz bitcoin.de und das vereinfacht den Handel dort ein wenig, ist aber auch weit entfernt vom Komfort des Kaufs eines klassischen Fondsanteils oder vergleichbarer Dinge.

Ich habe die ganze Geschichte im Selbsttest einfach einmal probiert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Hürden man rein praktisch überwinden muss, um Cryptoassets zu kaufen. Mein Testvorhaben: der Erwerb von Bitcoin im Gegenwert von 500 Euro. Als Reality-Check habe ich das Projekt von meiner Frau Mutter (Rentnerin ohne technisches Vorverständnis aber mit viel Neugier) gegen-evaluieren lassen (Danke!).

Und so sieht unser Experiment aus:

1.

Um überhaupt sinnvollerweise mit Bitcoin handeln zu können, braucht man eine Wallet, also eine „Geldbörse“. Man liest hier oft, dass es sich dabei um eine Vorrichtung handelt, in der man Bitcoin „speichern“ kann. Das ist natürlich Unsinn, denn der Bitcoin existiert gewissermaßen nur auf der Blockchain. Technisch handelt es sich beim Wallet daher eher um eine Art Authentifizierung, dass ein bestimmter Bitcoin mir zugeordnet werden kann und um ein Mittel, auf diesen dann auch tatsächlich verfügen zu können.

Wallets gibt es als Soft- und Hardware. Die Hardware-Varianten sind dabei deutlich sicherer. Da ein Investment in Crytowährungen schon genügend Unsicherheiten bietet, sollte Hacking nicht auch noch als Risiko dazukommen. Ich habe mich daher für eine Hardware-Wallet der Firma Nano entschieden, die in der Größe eines USB-Sticks kommt und damit handlich ist.

Die Handhabung der Wallet ist – gewollt – frugal. Für technisch und besonders kryptographisch bewanderte Personen ist die Bedienung sogar relativ logisch. Ich muss eine PIN vergeben, um auf die Hardwareseite der Wallets zugreifen zu können. Es gibt eine Software-App für den Rechner, die eine Art Bedienoberfläche darstellt, auch hier brauche ich ein Passwort. Jeder Zugriff der App auf die Wallet muss dort bestätigt werden. Und damit die Wallet überhaupt etwas tut, muss dort – also auf der Krypto-Hardware – auch noch pro Asset eine App installiert werden. Gewissermaßen eine Übersetzungsschicht für die Schlüsselverwaltung des betreffenden Assets, in meinem Fall eben Bitcoin.

Das alles zu verstehen und zu tun hat mich einen vollen Nachmittag gekostet. Nun bin ich weder 21 noch Hacker, aber immerhin kann ich noch 6502-Assembler. Ich fand es dennoch herausfordernd. Das Feedback meiner Mutter war, dass sie bereits bei der Eingabe der PIN an der Wallet scheitert – das geschieht nämlich mit Wippen über ein winzig-kleines Display direkt an der Hardware. Sie wäre hier also bereits ausgestiegen.

2.

Um nun Bitcoin zu erwerben kann man natürlich selbst schürfen oder ihn aber kaufen. Da mich der Investmentaspekt interessiert und ich kein eigenes Wasserkraftwerk besitze, habe ich mich für den Kauf entschieden. Den erledigt man am Besten über eine Börse. Dankenswerterweise kam mein Hardware-Wallet mit ein paar Empfehlungen für solche Börsen. Um auch hier jedenfalls das gefühlte Risiko zu minimieren, habe ich eine Börse mit Sitz in der EU ausgewählt, bei der man sich auch auf Deutsch anmelden und authentifizieren kann. Hintergrund auch hier: Otto Normalinvestor wird, auch wenn er Englisch auf Small-Talk-Niveau beherrscht, vielleicht ungern durch einen fremdsprachigen KYC-Prozess gehen wollen. Zudem finde ich Vertrauen in Organisation und Prozessdesign einer Börse, wenn sie mehrsprachig ist. Das zeigt mir, dass es hier nicht um ein im Keller betriebenes Hobby-Projekt geht.

Die Anmeldung bei der Börse ist vergleichsweise trivial, man muss allerdings eine Ausweiskopie übermitteln. Die Notwendigkeit sehe ich ein: jeder Finanzdienstleister hat KYC-Anforderungen, und ich will ja durchaus, dass er denen auch gerecht wird. Feedback meiner Mutter: die Anmeldung hätte sie verstanden, das hätte sie auch gekonnt.

3.

Der Bitcoin muss auf der Börse bezahlt werden. Es muss also irgendwie Geld dort hingebracht werden können. Das kann per Kreditkarte oder auch per Überweisung von einem Konto passieren, andere Zahlungsmethoden sind oft ebenfalls im Angebot.

Aus einer Reihe von Gründen, auch hier teils wieder aus Vorsicht (Trennungs- und Zugriffskontrolle) habe ich mich dafür entschieden, ein frisches Konto bei meinem Kreditinstitut extra für diesen Zweck zu eröffnen. Das beinhaltet zwar, dass man physisch und mit Ausweis versehen in eine Filiale gehen muss, ist aber insgesamt händelbar.

Nicht so einfach ist, was danach kommt. Interessanterweise stellte ich nach dem ersten Kaufauftrag (dazu siehe unten) im Rahmen der Zahlung der bestellten Bitcoins fest, dass meine Bank standardmäßig keine Überweisungen ins Ausland zulässt. Auch nicht in die EU. Eat that, Binnenmarkt!

Um das zu beheben galt es, ein Formular auszudrucken, auszufüllen, physisch zur Bank zu tragen, und dann ein paar Tage zu warten, in denen der Bitcoin-Kurs um 20% stieg.

Das Mutter-Feedback hierzu lautet: Das ist alles machbar, aber höchst lästig. Und: schade um das verlorene Geld.

4.

Die eigentliche Abwicklung des Bitcoin-Kaufs über die Börse ist dann vergleichsweise trivial und fast ein wenig schneller als eine Schnecke – wofür die Börse wenig kann, vielmehr sind die unfassbaren Gutschriftszeiten von Geldbeträgen im SEPA-Raum daran schuld. Spöttisch könnte man sagen, dass selbst die technisch limitierte Bitcoin-Blockchain noch schneller ist als das derzeitige Banknetzwerk.

Lästig und ungewohnt ist, dass man, damit die Börse den gekauften Bitcoin bis zur Gutschrift des Geldes reserviert, einen Screenshot seiner Überweisung anfertigen und per Online-Formular der eigentlichen Transaktionsanfrage anhängen muss. Das ist zwar verständlich, entspricht aber nicht dem gelernten Verhalten.

Das Mutter-Feedback hierzu ist, dass sie nicht weiß, wie man einen solchen Screenshot macht. Und klar, warum sollte sie auch.

Um den gekauften Bitcoin dann auch wirklich zugeschrieben zu bekommen war dann nochmals eine Video-Authentifizierung bei der Börse fällig, gewissermaßen der Abschluss des KYC-Prozesses. Wenig aufwändig, aber technisch wegen des in Deutschland limitierten Internets (Freuden des flachen Landes) doch mit Hindernissen versehen.

Fazit:

Im Vergleich zum Kauf eines Fondsanteils oder einer Aktie ist der Kauf von Bitcoin kompliziert. Nun muss man, um erstmals mit Aktien handeln zu können, auch erst einmal ein wenig infrastrukturell vorbereiten. In der Regel bekommt man aber hier Account, Verrechnungskonto und Zugangsmechanismen aus einer Hand halbwegs aufeinander abgestimmt in einem fertigen Paket. Genau das geht beim Kauf von Bitcoin noch nicht. Unsere Lösung ist zusammengestückelt aus einer französischen Hardware-Wallet, einer niederländischen Börse und einer deutschen Bank. Zur Einrichtung braucht man fortgeschrittene Computerkenntnisse und ein wenig Mut zum Leiden.

Otto Normalinvestor wird derzeit an diesen Hürden scheitern. Das ist schade, denn dem hohen Risiko beim Handel mit Crypto-Assets stehen auch hohe Chancen gegenüber. Die können aber rein technisch nur von einer nach wie vor kleinen Gruppe von Eingeweihten oder gut vernetzten Leuten wahrgenommen werden. Mamatauglich wird das Thema jedenfalls auf absehbare Zeit nicht.  

Wie viel Not-Liquidität brauche ich – und welche?

In vielen Artikeln und Blogs zum Thema Vermögensbildung in Investment liest man die Empfehlung, erst einmal eine Cash-Position aufzubauen, bevor angelegt wird. Hintergrund kann hier zweierlei sein: einmal natürlich, ein wenig trockenes Pulver zu haben, falls eine Investment-Chance daherkommt. Oft ist die Idee aber schlicht, für Not- und Krisenfälle eine Reserve zu haben, also unvorhergesehene Ausgaben bewältigen zu können.

Schauen wir uns doch diesen zweiten Fall einmal an.

Um zu wissen, welche Ausgaben unvorhergesehen sind, kann es nicht schaden, erst einmal zu untersuchen, was denn vorhersehbar ist. Monatliche Fixkosten müssen betrachtet werden, Dinge, die ich mir leisten will, und Ausgaben, die zwar nicht regelmäßig anfallen, aber doch planbar sind. Etwa ein Urlaub, denn für den kann ich sparen.

Ah, Freuden der Kreditkarte - am Besten, es ist nicht die eigene
Ah, Freuden der Kreditkarte – am Besten, es ist nicht die eigene

Die Cash-Position muss also „den Rest“ abdecken. Typische Beispiele dürften hier die berühmte „verreckende“ (sie geht nie kaputt, sie „verreckt“ immer) Waschmaschine sein oder der Motorschaden am Auto.

In diesen Fällen braucht man in der Tat ein wenig Geld. Nur: muss man das auf dem Girokonto haben? Das ist ja nachteilig, denn ein nicht angelegter Euro ist ein schlechter Euro, vor allem auf lange Sicht.

Für typische kleine Notfälle sollte der Dispositionsrahmen des Gehaltskontos eigentlich ausreichen. Wenn man kein Bank-Hopping betrieben hat, sondern eine gute Historie bei einem halbwegs vernünftigen Kreditinstitut vorweisen kann, ist es auch als Normalverdiener nicht schwer, 5k oder auch 10k Euro Dispo eingeräumt zu erhalten. Die Waschmaschine muss damit eigentlich gesichert sein und der Vorteil ist, dass der Dispo nichts kostet, wenn ich ihn nicht in Anspruch nehme.

Sollte das nicht genügen, kann eine „echte“ Kreditkarte helfen. Also keine von denen, die am Ende des Monats vollständig ausgeglichen wird, sondern eine, die pro Monat einen Maximalbetrag abbucht, gewissermaßen eine stehende Kreditlinie. Die gibt es oft mit Verfügungsrahmen zwischen 5k bis 10k. Zwar kostet so ein Stück meist 30 oder 40 Euro im Jahr, auch wenn man den Kreditrahmen gar nicht in Anspruch nimmt. Andererseits braucht man aber eine Kreditkarte ohnehin spätestens im Ausland oder für den Mietwagen, so dass man diesen Posten gern als „Ohnehinkosten“ betrachten darf. Meist erlaubt eine solche Karte sogar die Überweisung des Verfügungsrahmen auf ein Konto, so dass man sie gewissermaßen als Dispo-Kredit zweiter Ordnung behandeln kann.

Mit solchen Maßnahmen bekomme ich also – ohne einen einzigen Euro auf dem Konto zu haben – recht schnell um die 20k Notfallliquidität zu moderaten Vorhaltekosten zusammen. Davon kann man zur Not ein Auto kaufen (ob es bei den derzeitigen Finanzierungskonditionen Sinn macht, das mit der Kreditkarte zu bewerkstelligen, sei freilich dahingestellt).

Wenn ich die andererseits 20k Euro Notfallgeld auf dem Girokonto unverzinst liegen lasse und dann 20 Jahre kein Notfall passiert, verschenke ich, 5% Zinsen unterstellt, fast 35k Euro an Ertrag.

Wirklich sinnvoll ist es daher unter dem Gesichtspunkt der Notfallvorsorge nicht, viel Geld auf dem Girokonto für Notfälle liegen zu haben. Hier scheint es mir die bessere Strategie zu sein, an der Kredithistorie zu arbeiten und gute Beziehungen zur Hausbank zu pflegen.

Der richtige Zeitpunkt für den Autopiloten

Sparen oder Investieren ist ja zuallererst Psychologie, und zwar auf sich selbst gewandte. Denn was die meisten Leute, vom Geldanlegen abhält, ist die Tatsache, dass man Geld, das man hat, auch ausgibt. Und wenn es dann weg ist, ist schlicht nichts mehr da, was man sparen könnte. Ich weiß das, weil es mir genau so geht.

Der richtige Weg ist es also, das Geld wegzulegen, bevor man es sieht. Und dann idealerweise auch noch zu vergessen, dass man es getan hat.

Für diese Idee gibt es großartige Worte wie „Autopilot“ oder „automatisierte Geldanlage“, aber in der Regel handelt es sich schlicht um einen simplen Dauerauftrag bzw. ein Lastschriftmandat. Das Geld geht jeden Monat in einen Sparplan oder Fond, ist damit vom Konto weg und vor dem Zugriff des Inhabers (mir!) sicher.

In welche Anlage man „wegsparen“ sollte schauen wir uns ein anderes Mal an, mir geht es hier erst einmal um den richtigen Zeitpunkt für die monatliche Abbuchung. Das klingt wie ein triviales Problem, das ist es aber gar nicht.

Der richtige Zeitpunkt - Frau im roten Business Kostüm mit Uhr
Der richtige Zeitpunkt – Frau im roten Business Kostüm mit Uhr

Zunächst ist klar, dass auf dem betreffenden Konto genügend Geld sein muss, damit die Abbuchung nicht ins Leere geht. Bei Arbeitnehmern, bei denen der Lohn berechenbar an einem bestimmten Tag auf dem Konto eingeht, kann das also kurz nach dem betreffenden Zeitpunkt sein. Nicht viel später jedenfalls, da das Geld ja schnell „weg“ sein soll, damit man gar nicht erst in Versuchung kommt, es auszugeben. Die Unsichtbarkeit ist ja gerade der Clou an der Geschichte.

Andererseits gibt es jede Menge Leute, deren Einkommen zwar grob monatlich auf dem Konto eingeht, bei denen der Tag sich aber nicht genau voraussagen lässt. Meine Anwaltskanzlei etwa braucht ungefähr zwei Wochen für die Abrechnung des vergangenen Monats. „Ungefähr“ heißt, dass die Abrechnung manchmal am 14. eingeht, ab und an aber auch am 18. Und dann muss ich erst einmal eine Rechnung schreiben, die dann auch noch gezahlt werden muss. Da kann sich der Eingangszeitpunkt des Geldes auf meinem Konto also um eine ganze Woche verschieben.

Ich lasse alle Abbuchungen, bei denen ich den Zeitpunkt selbst bestimmen kann, daher Mitte des Monats abgehen. Das setzt natürlich ein etwas komplexeres Liquiditätsmanagement voraus als die Grundform „Arbeitnehmer mit einem Einkommen“, aber es scheint mir die beste Methode zu sein. Das Geld ist dann zwar oft „nicht gleich“ weg, aber eben doch früh genug, dass ich es nicht vor dem Monatsende noch für Vanity-Projekte wie Compliance Handbücher (großartige Strandlektüre!) ausgeben kann.

Ich persönlich verwalte meine ETF-Sparpläne online bei einer bekannten Direktbank. Die erlaubt mir zwar kein ganz flexibles Festlegen des Abbuchungsdatums, aber immerhin die Wahl zwischen „Monatsanfang“ und „Monatsmitte“, was für meine Zwecke reicht.

Was ist eigentlich passives Einkommen?

Ein allenthalben unglaublich viel strapazierter Begriff ist der des Passive Incomes, oder passiven Einkommens. Zu dem Thema sagt gefühlt die halbe Welt, dass es so etwas gar nicht gibt. Und die gefühlte andere Hälfte sagt dazu, dass man, wenn man schon so ranginge, sich nicht wundern müsse, dass man das nicht fände, weil da die Geisteshaltung ja schon nicht stimme.

Schauen wir es doch einmal an.

Mann sitzt im Dschungel mit einer Kokosnuss und genießt den Tag ohne übertrieben viel Aktivität zu entfalten
Der Autor geneißt recht passiv eine Kokosnuss

Natürlich gibt es Einkünfte aus aktiven Tätigkeiten. Ich habe eine Arbeit, erbringe eine Beratungsleistung, überführe ein Auto von A nach B, und für solche Tätigkeiten bekomme ich eine Entlohnung. Monatlich oder eben als Gig. Es gibt eine recht klare Korrelation von Leistung und Gegenleistung und das ganze ist verdammt aktiv. Ich mache etwas und ich bekomme etwas, ich mache nichts und ich bekomme auch nichts.

Am anderen Ende des Spektrums gibt es Einkünfte aus Investments, Dividenden und Renten. Ich habe irgendwann mal Telekom-Aktien gekauft und bekomme nun jedes Jahr Dividenden ausgeschüttet, ohne, dass ich dafür noch irgendetwas tun muss. Das ist zwar schrecklich passiv, noch mehr, wenn ich das Geld für das Ur-Investment geerbt oder im Lotto gewonnen habe. Dennoch ist das nicht, was der Begriff meint. Warum auch immer.

Ein wenig näher kommt dem passiven Einkommen die Vermietung von Dingen, etwa Wohnungen, Autos oder Yachten. Das ist nicht ganz so passiv wie das Kassieren einer Dividende, in aller Regel muss ich dafür etwas tun, etwa eine Immobilie instand halten oder die Crew der Yacht bezahlen (die Crew wird in der Regel gestellt, fass Sie das schon immer wissen wollten). Das kann man aber geistig streng genommen in zwei oder mehr Komponenten aufteilen, die rein aus dem Kapitalertrag (Haus, Yacht) resultierende, und die der „Serviceleistung“ obendrauf. Juristen kennen solche Gedankenspiele, wenn sie überlegen, welcher Teil des Preises eines guten Essens im Restaurant auf den Verkauf der Lebensmittel, die Dienstleistung derer Zubereitung, und die Miete des Tisches entfallen. You get the drift, und eigentlich sind das auch nicht die Gestaltungen, die man typischerweise mit diesem Begriff des passiven Einkommens meint.

Gemeint sind in der Regel Dinge, die sich irgendwo zwischen Royalties und dem Verkauf digitaler Produkte bewegen. Das kann mit Buchtantiemen beginnen, geht über Werbeschaltungen in Youtube-Videos und den Verkauf von Stock-Fotos bis hin zum Affiliate-Marketing. Wenn man das ernst nimmt kann man auch die Erstellung einer Software und deren nachfolgende Lizenzierung darunter fassen.

Der Witz an all diesen Dingen, von denen Sie ohne Ende weitere Beispiele zum Saufuttern durch Bedienen einer beliebigen Suchmaschine finden, ist, dass sie gar nicht so furchtbar passiv sind.

Wenn Sie für ein Musikstück Royalties kassieren wollen, dass müssen sie es erst mal schreiben. Eine patentierte Erfindung, die sie auslizenzieren wollen, müssen Sie erst einmal erfinden. Ein Video, in dem Werbung geschaltet werden soll, muss gedreht, eine Software will programmiert werden. Und aus eigener leidiger Erfahrung darf ich sagen, dass selbst ein Stock-Foto erst einmal gemacht werden will. Und weil Märkte saturieren und Schutzrechtes auslaufen müssen Sie in all diesen Fällen („Last Christmas“ ausgenommen) nachlegen und immer wieder neue Iterationen ihres Produktes / Fotos / Videos nachlegen. Wir reden hier also meist nicht von wirklich passivem Einkommen, sondern vielmehr von Einkommen, bei dem sich der Ertrag, der durch eine Leistung generiert wird, zeitlich zerrt, nicht in einer Einmalzahlung erschöpft.

Über die Freuden des Warten Könnens

Es gibt Jobs, für die bewirbt man sich und man kann, die richtigen Qualifikationen vorausgesetzt, am nächsten Tag anfangen. Das sind meist relativ standardisierte Arbeiten mit einem klar abgegrenzten Verantwortungsprofil und recht einfachen Tätigkeiten. Burgerbraten zum Beispiel. Damit das nicht falsch verstanden wird: ich finde Burgerbraten gut. Ich mag Burger, und ich mag gut gemachte Burger noch viel mehr. Man wird aber, jedenfalls wenn man es angestellt betreibt, in aller Regel nicht reicht damit. Burgerbraten ist toll, wenn man einen Job mit geringen Einstiegshürden braucht, aber man muss recht viel Zeit investieren, um ein auskömmliches Einkommen damit zu erzielen. Es ist daher zwar nicht unmöglich, aber doch recht schwer, sich neben diesem Job noch ein zweites Standbein aufzubauen, sich fortzubilden, ein eigenes Geschäft zu gründen, Kunden zu akquirieren etc. Dazu kommt noch, dass man typischerweise in Schichten eingeteilt wird, die man nur in Grenzen selbst bestimmen kann, und nicht mal kurz zwischendurch die E-Mails checken oder einen Anruf beantworten kann.

Ein Burgerbraterjob ist also ehrenhaft, aber kein gutes Sprungbrett.

Woman doing yoga in the tropical jungle sitting on a stone

Es gibt andere Jobs, die hohe Qualifikationen erfordern, einen ganz bestimmten Persönlichkeitstyp, und die oft hoch bezahlt sind. Nehmen wir den Job eines CEO für ein Start-up. Ich meine nicht: Gründer, sondern wirklich CEO. Wenn so ein Start-up schnell gewachsen ist, dann ist es in aller Regel auch verwachsen. Vermutlich sind einige Bereiche sehr schnell expandiert, die dahinterstehenden Strukturen aber nicht. Mann hat vielleicht eine großartige Maschine zur Neukundengewinnung, aber miserablen Kundenservice. Man hat vielleicht ein disruptives Geschäftsmodell, aber mit der Compliance sieht es nicht ganz so fantastisch aus. Dann brauch man einen Level-B-CEO, der aus dem Start-Up mit all seinen Problemchen ein echtes Unternehmen macht. Und diese Leute gibt’s nicht an jeder Ecke.

Solche Jobs aber auch nicht.

Das heißt, dass man auf so einen Job gern auch mal warten muss, also ein klassisches Year-on-the-beach einlegen. Und wenn dann so ein Angebot um die Ecke kommt, dann dauert der Bewerbungsprozess meist mehrere Monate, jedenfalls wenn die Hütte nicht schon so lichterloh brennt, dass die jeden und noch seine Mutter nehmen.

Diesen Zeitaufwand muss man sich leisten können. Wenn das Konto gerade so viel hergibt, dass man sechs Wochen übersteht, dann muss man eben nehmen, was kommt. Sprich: wer keine finanziellen Reserven besitzt, der kann bestimmte Chancen gar nicht ergreifen.

Intuition vs Nachrechnen

Nur wenige Menschen haben wirklich gute mathematische Intuition. Auch hier muss ich mich, wie so oft, in die allererste Reihe stellen. Besonders schlecht sind wir (lies: bin ich) darin, die Auswirkungen linear und exponentiell wachsender Größen auseinander zu halten.

Packe ich doppelt so viel Geld pro Monat in meine Sparpläne, bekomme ich am Ende einer festgelegten Zeit doppelt so viel heraus. Kann ich es mir dagegen erlauben, mehr Zeit zu investieren, also mehr Zins und Zinseszins zu akkumulieren, erhalte ich exponentielle Effekte.

Bäuerin auf dem Feld zur Erntezeit
Erntezeit

Machen wir doch mal ein konkretes Beispiel:

  1. Lege ich 100 Euro pro Monat über 20 Jahre zu 5% an, erhalte ich am Ende 41.103 Euro. Davon sind 24.000 Euro von mir eingezahlt, 17.103 Euro sind Zinsen und Zinses-Zinsen. Im Prinzip nicht schlecht.
  2. Verdoppele ich meinen Kapitaleinsatz auf 200 Euro pro Monat, so bekomme ich auch das doppelte heraus, nämlich 82.206 Euro, von denen 48.000 Euro eingezahlt sind, 34.206 Euro auf Zinsen etc. beruhen. So weit so vorhersehbar.
  3. Nehme ich aber meine 100 ursprünglichen Euro, und lege die, sind wir mutig, statt 20 für 40 Jahre an, dann erhalte ich flotte 152.602 Euro, von denen „nur“ 48.000 Euro eingezahlt sind (wie in Beispiel 2 ja auch), aber 104.602 Euro aus Zinsen stammen.

Das sind gewaltige Unterschiede bei nominal gleichem Kapitaleinsatz. Sie können das auch mal für 50 Jahre durchrechnen, das ist interessant, aber dann brauchen Sie gute Gene, um von der Sache noch etwas zu haben.

Nun ist das natürlich alles eine Milchmädchenrechnung, weil wir, wenn wir 40 oder 50 Jahre betrachten, gewaltige Effekte aus der Inflation haben (1.000 vor 40 Jahren angelegte Euro waren viel mehr wert als 1.000 heute angelegte Euro), akkumulierte Gefahren aus Schock-Effekten (Währungen oder Länder hören auf zu existieren), und wir auch keine Ahnung haben, ob wir überhaupt 40 Jahre lang in der Lage sind, Geld anzulegen: langfristig sind wir schließlich alle tot. Dennoch finde ich es aber erhellend, sich diese Zahlen einfach mal anzusehen. Es zeigt nämlich, dass es sich durchaus lohnt, auch mit eher überschaubaren Beträgen stetig zu sparen, wenn man früh genug damit anfängt, und dass man auch mit deutlich höheren Einzahlungen spät im Leben den Zinseszins-Effekt nicht wirklich einholt.