Bitcoin und Cryptocurrencies – kann das Otto Normalinvestor?

Die Preise für Bitcoin und andere Cryptocurrencies laufen ja gerade (wieder einmal) heiß. Da kann und muss man sich als Anleger fragen, ob ein Investment in eine solche Asset-Klasse eine gute Idee ist oder nicht. Man wird sich dabei natürlich die „üblichen“ Dinge überlegen wie: passt das in meine Anlagestrategie? Da solche Assets hochspekulativ sind: kann ich gegebenenfalls den Totalverlust verkraften? Und natürlich: was genau ist das alles eigentlich? Und das sind wichtige Punkte. Aber gehen wir mal davon aus, dass ich all diese Gesichtspunkte bedacht und mich für eine Anlage entschieden habe: was dann?

Frau in der Forschung oder im Labor schaut durch ein Mikroskop
Frau in der Forschung oder im Labor schaut durch ein Mikroskop, es geht um die künstliche Befruchtung einer Eizelle

Mich interessiert hier also, ob der sprichwörtliche Otto Normalinvestor rein technisch überhaupt in der Lage ist, Bitcoin – der hier als Beispiel dient – zu kaufen.

Wenn Sie nämlich ticken wie ich, dann rufen Sie erst einmal Ihre Bank an und fragen, wie sie denn ein Bitcoin-Konto eröffnen können. Und dann werden Sie Reaktionen von Überraschung bis Unverständnis erhalten: sie können so etwas bei (keiner) deutschen Bank machen. Mein Anruf bei der Commerzbank erbrauchte immerhin, dass man sich den Markt dort ansieht, und bei der Consorsbank kann man ein paar Derivate erwerben, aber nicht die Crypto-Assets selbst. Die Fidorbank aus München kooperiert immerhin mit dem Marktplatz bitcoin.de und das vereinfacht den Handel dort ein wenig, ist aber auch weit entfernt vom Komfort des Kaufs eines klassischen Fondsanteils oder vergleichbarer Dinge.

Ich habe die ganze Geschichte im Selbsttest einfach einmal probiert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Hürden man rein praktisch überwinden muss, um Cryptoassets zu kaufen. Mein Testvorhaben: der Erwerb von Bitcoin im Gegenwert von 500 Euro. Als Reality-Check habe ich das Projekt von meiner Frau Mutter (Rentnerin ohne technisches Vorverständnis aber mit viel Neugier) gegen-evaluieren lassen (Danke!).

Und so sieht unser Experiment aus:

1.

Um überhaupt sinnvollerweise mit Bitcoin handeln zu können, braucht man eine Wallet, also eine „Geldbörse“. Man liest hier oft, dass es sich dabei um eine Vorrichtung handelt, in der man Bitcoin „speichern“ kann. Das ist natürlich Unsinn, denn der Bitcoin existiert gewissermaßen nur auf der Blockchain. Technisch handelt es sich beim Wallet daher eher um eine Art Authentifizierung, dass ein bestimmter Bitcoin mir zugeordnet werden kann und um ein Mittel, auf diesen dann auch tatsächlich verfügen zu können.

Wallets gibt es als Soft- und Hardware. Die Hardware-Varianten sind dabei deutlich sicherer. Da ein Investment in Crytowährungen schon genügend Unsicherheiten bietet, sollte Hacking nicht auch noch als Risiko dazukommen. Ich habe mich daher für eine Hardware-Wallet der Firma Nano entschieden, die in der Größe eines USB-Sticks kommt und damit handlich ist.

Die Handhabung der Wallet ist – gewollt – frugal. Für technisch und besonders kryptographisch bewanderte Personen ist die Bedienung sogar relativ logisch. Ich muss eine PIN vergeben, um auf die Hardwareseite der Wallets zugreifen zu können. Es gibt eine Software-App für den Rechner, die eine Art Bedienoberfläche darstellt, auch hier brauche ich ein Passwort. Jeder Zugriff der App auf die Wallet muss dort bestätigt werden. Und damit die Wallet überhaupt etwas tut, muss dort – also auf der Krypto-Hardware – auch noch pro Asset eine App installiert werden. Gewissermaßen eine Übersetzungsschicht für die Schlüsselverwaltung des betreffenden Assets, in meinem Fall eben Bitcoin.

Das alles zu verstehen und zu tun hat mich einen vollen Nachmittag gekostet. Nun bin ich weder 21 noch Hacker, aber immerhin kann ich noch 6502-Assembler. Ich fand es dennoch herausfordernd. Das Feedback meiner Mutter war, dass sie bereits bei der Eingabe der PIN an der Wallet scheitert – das geschieht nämlich mit Wippen über ein winzig-kleines Display direkt an der Hardware. Sie wäre hier also bereits ausgestiegen.

2.

Um nun Bitcoin zu erwerben kann man natürlich selbst schürfen oder ihn aber kaufen. Da mich der Investmentaspekt interessiert und ich kein eigenes Wasserkraftwerk besitze, habe ich mich für den Kauf entschieden. Den erledigt man am Besten über eine Börse. Dankenswerterweise kam mein Hardware-Wallet mit ein paar Empfehlungen für solche Börsen. Um auch hier jedenfalls das gefühlte Risiko zu minimieren, habe ich eine Börse mit Sitz in der EU ausgewählt, bei der man sich auch auf Deutsch anmelden und authentifizieren kann. Hintergrund auch hier: Otto Normalinvestor wird, auch wenn er Englisch auf Small-Talk-Niveau beherrscht, vielleicht ungern durch einen fremdsprachigen KYC-Prozess gehen wollen. Zudem finde ich Vertrauen in Organisation und Prozessdesign einer Börse, wenn sie mehrsprachig ist. Das zeigt mir, dass es hier nicht um ein im Keller betriebenes Hobby-Projekt geht.

Die Anmeldung bei der Börse ist vergleichsweise trivial, man muss allerdings eine Ausweiskopie übermitteln. Die Notwendigkeit sehe ich ein: jeder Finanzdienstleister hat KYC-Anforderungen, und ich will ja durchaus, dass er denen auch gerecht wird. Feedback meiner Mutter: die Anmeldung hätte sie verstanden, das hätte sie auch gekonnt.

3.

Der Bitcoin muss auf der Börse bezahlt werden. Es muss also irgendwie Geld dort hingebracht werden können. Das kann per Kreditkarte oder auch per Überweisung von einem Konto passieren, andere Zahlungsmethoden sind oft ebenfalls im Angebot.

Aus einer Reihe von Gründen, auch hier teils wieder aus Vorsicht (Trennungs- und Zugriffskontrolle) habe ich mich dafür entschieden, ein frisches Konto bei meinem Kreditinstitut extra für diesen Zweck zu eröffnen. Das beinhaltet zwar, dass man physisch und mit Ausweis versehen in eine Filiale gehen muss, ist aber insgesamt händelbar.

Nicht so einfach ist, was danach kommt. Interessanterweise stellte ich nach dem ersten Kaufauftrag (dazu siehe unten) im Rahmen der Zahlung der bestellten Bitcoins fest, dass meine Bank standardmäßig keine Überweisungen ins Ausland zulässt. Auch nicht in die EU. Eat that, Binnenmarkt!

Um das zu beheben galt es, ein Formular auszudrucken, auszufüllen, physisch zur Bank zu tragen, und dann ein paar Tage zu warten, in denen der Bitcoin-Kurs um 20% stieg.

Das Mutter-Feedback hierzu lautet: Das ist alles machbar, aber höchst lästig. Und: schade um das verlorene Geld.

4.

Die eigentliche Abwicklung des Bitcoin-Kaufs über die Börse ist dann vergleichsweise trivial und fast ein wenig schneller als eine Schnecke – wofür die Börse wenig kann, vielmehr sind die unfassbaren Gutschriftszeiten von Geldbeträgen im SEPA-Raum daran schuld. Spöttisch könnte man sagen, dass selbst die technisch limitierte Bitcoin-Blockchain noch schneller ist als das derzeitige Banknetzwerk.

Lästig und ungewohnt ist, dass man, damit die Börse den gekauften Bitcoin bis zur Gutschrift des Geldes reserviert, einen Screenshot seiner Überweisung anfertigen und per Online-Formular der eigentlichen Transaktionsanfrage anhängen muss. Das ist zwar verständlich, entspricht aber nicht dem gelernten Verhalten.

Das Mutter-Feedback hierzu ist, dass sie nicht weiß, wie man einen solchen Screenshot macht. Und klar, warum sollte sie auch.

Um den gekauften Bitcoin dann auch wirklich zugeschrieben zu bekommen war dann nochmals eine Video-Authentifizierung bei der Börse fällig, gewissermaßen der Abschluss des KYC-Prozesses. Wenig aufwändig, aber technisch wegen des in Deutschland limitierten Internets (Freuden des flachen Landes) doch mit Hindernissen versehen.

Fazit:

Im Vergleich zum Kauf eines Fondsanteils oder einer Aktie ist der Kauf von Bitcoin kompliziert. Nun muss man, um erstmals mit Aktien handeln zu können, auch erst einmal ein wenig infrastrukturell vorbereiten. In der Regel bekommt man aber hier Account, Verrechnungskonto und Zugangsmechanismen aus einer Hand halbwegs aufeinander abgestimmt in einem fertigen Paket. Genau das geht beim Kauf von Bitcoin noch nicht. Unsere Lösung ist zusammengestückelt aus einer französischen Hardware-Wallet, einer niederländischen Börse und einer deutschen Bank. Zur Einrichtung braucht man fortgeschrittene Computerkenntnisse und ein wenig Mut zum Leiden.

Otto Normalinvestor wird derzeit an diesen Hürden scheitern. Das ist schade, denn dem hohen Risiko beim Handel mit Crypto-Assets stehen auch hohe Chancen gegenüber. Die können aber rein technisch nur von einer nach wie vor kleinen Gruppe von Eingeweihten oder gut vernetzten Leuten wahrgenommen werden. Mamatauglich wird das Thema jedenfalls auf absehbare Zeit nicht.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.