Nach dem Rebound

Es ist Juni und der unbeliebteste Börsenaufschwung der Neuzeit wird womöglich ein wenig alt. Wir leben in Zeiten, die wahrhaft bemerkenswert sind. Ein unfassbarer und eigentlich irrationaler Boom hat die Börsen von jeglicher Realwirtschaft abgekoppelt und auf, gemessen an den Fundamentaldaten, wahnwitzige Höhen katapultiert. Dabei stehen die institutionellen Anleger an der Seitenlinie und die kleinen, privaten treiben die Kurse. Keiner weiß, wie das endet, aber derzeit jedenfalls haben die Kleinen Recht und die Dickfische leiden unter teils erheblichem Rechtfertigungsdruck ihren Fondskunden gegenüber. Ob dann doch irgendwann der Private – mal wieder – die Hucke vollbekommt, kann nur die Zukunft weisen: bei der Telekom hatten ja bis 2000 auch alle Recht, danach dann keiner mehr.

Die positive Seite

Apropos Telekom: wer hätte gedacht, dass man im langweiligsten Index der Welt (DAX) und mit den farblosesten der darin enthaltenen Aktien 20 oder 30% Kursgewinn in wenigen Wochen einfahren kann? Mit… Siemens?  

In meinem privaten Investitionsbericht darf ich festhalten, dass ich, nachdem mir Technologie dann doch ein wenig teuer erschien, hier herzhaft zugegriffen habe und jetzt vor einem Portfolio von geradezu unfassbar schlafinduzierenden Aktien sitze, die aber allesamt dick zweistellig im Plus sind.

Natürlich ist nicht alles nur durchgehend rosig. Zwei Dinge habe ich gelernt über mich und die Art, wie ich an der Börse aktiv sein sollte.

Ich bin kein Daytrader

Ich habe ein Leben. Zwei Berufe. Freunde. Solche Dinge. Das geht nicht zusammen mit kurzfristigem Trading. Zum Beispiel Knock-outs.

Nachdem der Markt für meinen Geschmack schon übertrieben gestiegen war und ich dem Feuerwerk nicht mehr traute, erwarb ich einen Knockout-Put mit einem gewaltigen Hebel.

Die Idee war nicht schlecht. Nachdem der Markt noch ein bisschen stieg, dreht sich alles und ich war satt im Plus. Im Nachhinein hätte ich bei 80% im Plus verkaufen sollen, aber die Gier übernahm mein Hirn und ich verpasste den guten Zeitpunkt. Nachdem ich mich dazu durchringen konnte, das Papier zu Geld zu machen, war ich zwar nur noch 10% im Plus, aber angefixt.

Und kaufte wieder ein Zertifikat.

Dieses Mal war die Durststrecke länger. Der Markt stieg und war zwei Mal gefährlich nahe an der Knockout-Marke. Und dann fiel er. Alles lief. Ich saß stundenlang vor dem Rechner, nur mit Kaffee und Keksen am Leben gehalten. Aber es war nicht genug. Irgendwann waren weltliche Dinge zu erledigen, nämlich Hosen kaufen. An der Kasse des H&M öffnete ich die Börsen-App und war 90% im Plus. Der Zeitpunkt zu verkaufen war genau jetzt. Und während ich da stand wurde von der US-FED ein neues Konjunkturpaket angekündigt, was meinen Gewinn auf Null schrumpfen ließ. Ich hätte dennoch aussteigen sollen, habe aber noch drei Tage gewartet, um dann mit Verlust zu verkaufen.

Insgesamt war das finanziell nicht mal ein blaues Auge, aber der Aufwand an Zeit und Nerven ist einfach so hoch, dass es für Normalbürger den Aufwand nicht wert ist. Da sollte man in der Zeit besser Flaschen sammeln und das Pfandgeld in einen ETF investieren: das gibt mehr Rendite und die Bewegung an der frischen Luft tut gut. Auch der Hund freut sich .

Was zählt, ist auf dem Platz

Dieser Aufschwung an den Finanzmärkten macht keinen Sinn. Trotz aller Konjunkturpakete. Was wir sehen ist schlicht die Fortsetzung der Irrational Exuberance der Vor-Corona-Zeit, katalysiert mit neu gedrucktem Geld.

Aber das ist egal. Der Markt hat immer Recht und es zählt nur, was hinten rauskommt. Ich bin mehrfach an diesem Markt verzweifelt. Nachdem ich – siehe den vorherigen Post – einen guten Einstiegszeitpunkt für viele Papier gefunden hatte und mein Portfolio deutlich im Plus (wohlgemerkt: Vor-Corona-Plus) war, zweifelte ich doch sehr daran, dass es immer so weiter gehen konnte. Für zwei Wochen war ich daher komplett im Cash an der Seitenlinie. Das hat mich etwa 7% der Erholung gekostet.

So ist das manchmal. Ein positives Mitbringsel aus der Cash-only-Zeit ist allerdings ein deutlich besser ausbalanciertes neue Portfolio, mit dem ich derzeit doch recht glücklich bin.

Über die weitere Optimierung werde ich ein anderes Mal berichten.

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